New York

Für Petrina Engelke / https://www.moment-newyork.de

Kein Reisebericht oder wie ich mich in das Licht verliebte

Es ist immer das Licht! Das Licht wirkt bei mir wie Adrenalin. Das Licht erzeugt die Bilder, das Licht erzeugt alles. Das Licht löst Gefühle aus und ruft in mir Erinnerung hervor.  Vor meinem geistigen Auge stellen sich die Bilder auf, immer wieder, scheinbar auf Abruf. Ein “Klick”, und ich bin wieder in jenem zauberhaften Moment, der, wie so oft bei mir, vom Licht bestimmt wird. Dabei fällt es mir schon immer schwer, Orte genau zu bestimmen. Namen, Zahlen, geographische Koordinaten … für mich nur “Schall und Rauch”. Das war schon immer so. Darauf kommt es mir auch nicht mehr an, schon lange nicht mehr. Da sind eben nur die Bilder. Und das Licht. Und auch jener Ort ist so einer – ich glaube, es war irgendwo am Pier 11. Wirklich unscheinbar für jeden, der sich Straßennamen merken kann. Und so beginne ich hier, in wenigen Sätzen nur,  über eine Stadt zu schreiben, die mir eigentlich fremder nicht sein dürfte. Und doch ist es, als wäre ich schon einmal hier gewesen, was schier unmöglich ist. Aber das ist wohl so, wenn man sich spontan in etwas verliebt. Aber wie kann man nur Feuer fangen gerade an so einem unbedeutenden Ort, in einer sonst so herrlichen Stadt? 

Ja, das fragt jeder. Nun, es ist so! Wirklich verstehen kann mich nur Malte L.B.

Irgendwo also in New York. Ich sitze zwischen all jenen Menschen, die New York jeden Tage lieben und hassen dürfen. Irgendein Fährhafen. Ich sitze in einer kleinen Wartehalle aus Glas, beleuchtet mit warmen Glühlampen, beheizt durch einen riesigen Heizlüfter. Ein goldfarbener Würfel, abgestellt auf eine Pier, zugegebenermaßen architektonisch nicht gerade schön. Hinter uns erhebt sich ein Gebirge aus Stahl, Beton und Stahl. Manhattans Hochhäuser umschließen den kleinen Hafen wie eine riesige massive Schutzwand und geben dabei, in der anfangenden Dämmerung, ein noch diffuses, fast unwirkliches Licht ab, es fällt wie Nebelschwaden auf den eiskalten Beton von Pier Nr. 11. Dieses Ensemble erzeugt eigenartigerweise ein Gefühl der Geborgenheit.

Ein kleiner Kiosk in dieser gläsernen Wartehalle strahlt ein beruhigendes gelbes Licht aus. Einige Wartende scheinen Zeit zu haben, trinken Kaffee oder lesen etwas. Manche schauen Gedanken verloren auf das dunkle Glas nach draußen und ihre Gesichter wirken entspannt und natürlich. Keine “Times Square Gesichter”. Ganz normale New Yorker Gesichter. Ein Security-Mann steht gelangweilt an der Tür, ein Müllmann im roten Overall schiebt bedächtig seinen schweren Besen. Hier pendeln sie also, die New Yorker, zwischen Manhattan und Brooklyn. Hier ist Alltag, hier ist Feierabend. Jeder will nach Hause. Dem hektischen Manhattan entfliehen. Nachdenkliche Gesichter, viele freundliche auch. Man plaudert, liest die New York Times oder holt sich noch schnell einen Snack für die tägliche Überfahrt. Draußen ist es bitter kalt, die New Yorker hasten vorbei, manche in schweren Mänteln, wie fliegende Schatten, manche in viel zu leichten Büroschuhen. Und sie stellen sich alle brav an, als würde ihnen die Kälte nichts ausmachen. Die Fähren legen an und fahren wieder. Ein Takt der scheinbar nicht angehalten werden kann. Die Hafenarbeiter in ihren schweren Kluften sehen aus, als würden sie in Alaska arbeiten. Die Kälte in New York. Ich sitze in der warmen Wartehalle mitten unter ihnen. Was unterscheidet mich jetzt von ihnen? Ein eigenartiges Gefühl, 6000 Kilometer von meiner Heimat entfernt. Und ich packe mein Brotpapier aus, mit dem angebissenen Bagel. Dazu gibt es einen großen Becher heißen Kaffee. Und ich bin froh! Hier nur einfach so sitzen zu dürfen zwischen all den New Yorkern, bin froh, mich nicht als Besucher fühlen zu müssen, ein Teil von ihnen zu sein. Kaffee und Bagel schmecken mir auf einmal so richtig gut. Ja ich weiß, Touristen machen sich so etwas immer irgendwie vor, nur einen kurzen Moment. Ach ja … und draußen ist gerade “Wolkenkratzer-Dämmerung”. Der Übergang in den Abend, jenes typische Licht: noch nicht richtig dunkel, aber überall gehen schon die Lampen an. Der Himmel strahlt so eigenartig kobaltblau und tausende Lichter in den Hochhäusern verströmen eine fast anheimelnde Atmosphäre. Der helle Beton des Fährhafens, die vielen dunklen Schatten der Menschen. Dieser Übergang von der Hektik des Tages in den Feierabend. Alle sind froh. Hier kommt etwas zur Ruhe. Das spürt man. Vermutlich selten in New York. Unwirklich, fast zauberhaft.  Jetzt Maler sein, jetzt Fotograf. In weiter Ferne die Brooklyn Bridge. Diese alte Lady. Anziehend und fordernd. Ja, ja, ich komme schon.  Ich werde mich jetzt aufmachen. Dort will ich jetzt hin. Wieder Besucher sein. Wieder den Fotoapparat auspacken. Andere Gesichter sehen, staunende, unwirkliche. 

So war das, an einem bitterkalten Februarabend, auf einem Fährhafen am East River in New York. Was kann es schöneres geben? Alles Andere in New York! Würden viele jetzt sagen. Ich weiß es nicht. Meine Erinnerungen werden es mir beweisen. Ich vermute fast, ich werde mich hieran jedenfalls gerne erinnern. Fotoapparate können mir diese Momente nicht festhalten.

Der Vorteil ist, wenn man mit Reisebericht schreiben geübten Menschen verreist, dass man nicht alles wiederholen braucht. Und auch die Fotos gleichen sich auffallend. Insofern hier also kein Reisebericht sondern nur eine kleine Beschreibung meiner Gefühle in New York. Und so muss dieser Fährhafen genügen. Natürlich sind da noch die Häuserzeilen, diese Schluchten, die wahnsinnig hohen Gebäude in ihrer irrsinnigen Architektur. Sie scheinen einem ständig beweisen zu wollen, dass nur sie das wahre New York sind, und nicht die Freiheitsstatue oder der liebliche Central Park. Sie trennen den Himmel ab und geben mir, dem Besucher, unmissverständlich zu verstehen, du bist hier im “Big Apple” mein Junge und nicht in irgendeiner Großstadt. Und so ist es – zumindest bei mir – eine ständige Gratwanderung, entscheiden zu wollen zwischen tausenden Momenten: Was macht New York so einzigartig? Ich weiß es immer noch nicht. Oder besser, es ist für mich sehr schwer zu erklären. Nachts auf dem Empire State Building, die Freiheitsstatur im Sonnenuntergang oder ‘Barnis Oysterbar’ unter der Grand Central Station, alles schon tausend mal beschrieben. Ich kenne mich, im Nachhinein sind es nicht diese Großartigkeiten, die sich einfressen in mein visuelles Denken. Es sind schon immer die Kleinigkeiten, die Momente der Anderen. Das Aufsaugen der alltäglichen Situationen. Gerade das zu beobachten, was sich eben kaum auf einem Foto festhalten lässt. Nur wenige Fotografen können das. Und was bleibt? Genau dieser Moment, die Stimmung, das Licht, die Menschen. Ja, das bleibt bei mir. Eintauchen in die Situation, teilhaben durch Beobachtung. Und das wird in New York zur unendlich schönen Qual für mich. In der Metro, im Dinner, am Fährhafen. New York ist für mich eine liebenswerte Stadt. Wenn man die Zeit und die Fähigkeit hat, kleine Momente zu genießen und dabei “die Dinge des Lebens” zu beobachten, wird New York für mich, neben Paris natürlich, bestimmt zu meiner Lieblingsstadt. Und gerade deshalb muss ich dort wieder hin. Wenn es geht, schon morgen.

Olaf Dudek